"Wieso hast du...?"

Kinder sind etwas tolles. Etwas grandioses. Ich liebe sie. Ich liebe es, mit ihnen zu toben, zu spielen .. Quatsch zu machen. Unter Kindern fühle ich mich frei. Freier als unter Erwachsenen.

Kinder sind oftmals direkt. Wenn sie etwas interessiert fragen sie nach. Heute fragte ein Kind mich, wieso ich so ein "kleines Gesicht" habe. Und zack .. meine Stimmung war im Keller. Ist im Keller. Natürlich habe ich es in dem Moment nicht gezeigt. Immerhin muss man professionell bleiben, sodass ich ihn einfach zurück fragte, wieso zum Beispiel seine blond und nicht schwarz seien. Aus dem selben Grund, wieso mein Gesicht so klein ist.

Eine harmlose Frage, zumal sie aus reinem Interesse gestellt wurde und nicht, um mich zu attackieren.

Und trotzdem wirft mich das total aus der Bahn. Mir ist bewusst, dass solche Fragen einigen Menschen im Kopf herumschwirren, wenn sie mich sehen. Doch getreu dem Motto "Aus den Augen, aus dem Sinn" sind mir diese Fragen nicht präsent, wenn ich mit ihnen nicht konfrontiert werden. Depressive Menschen sind meisterlich, wenn es um Verdrängung geht. Bei mir ist es jedenfalls so. Und so wächst in mir die Hoffnung, dass mich die Menschen als normal erachten, je länger ich nicht mit solchen Fragen auseinandergesetzt werde.

Arschlecken. 

Ich bin es leid mich so zu fühlen. Ich möchte nicht mehr traurig sein. Ich möchte keine Leere mehr in mir spüren. Ich bewege mich. Stück für Stück. Jetzt habe ich drei-vier Tage auf meine Ernährung geachtet. Wiege nicht mehr 54 sondern 55 kg. Ich koche jeden Abend. Trinke meinen Kaloriendrink jeden Tag. Habe mir jetzt sogar Paprika zum Knabbern gekauft. Doch jedes Mal, wenn ich in den Spiegel gucke, sehe ich nur die Fratze des Grauens.

Heute war Familiensonntag im Welse. Ich sehe die ganzen Eltern. Die Pärchen. Und ich bin nur am abkotzen. Jede angedeutete Zärtlichkeit; jede Umarmung und jeder Kuss. Es kotzt mich nur noch an. Ich fürchte, ich werde immer mehr zum Zyniker. Jedes Mal denke ich mir "Fuck. Muss das unbedingt sein, wenn ich dabei bin?" Ich hasse es. Ich werde das nie haben. Wieso versuche ich Mareike ein schönes Geschenk zu machen? Sie wird sowieso nie etwas mit mir anfangen.

Jeder Schritt, den ich gehen muss um mich aus dem Sumpf zu ziehen, fällt mir so schwer. Ich bin so müde vom Leben. Ich bin buchstäblich lebensmüde. Ich habe keine Lust mich weiter zu quälen. Ich habe keine Lust, auf ein schöneres morgen zu hoffen. Ich möchte mir selbst schaden. Möchte mich wegballern. 20 Joints hintereinander wegziehen. Schmerzmittel schmeißen. Heroin spritzen. Doch das macht mich auch nicht glücklich. Nichts macht mich glücklich. Die Ausbildung geht nur noch ein halbes Jahr, und dann? Arbeiten gehen? Geld verdienen und meine einsame Zeit mit irgendwelchen Sachen füllen. Aber nicht mit Menschen.

Ich werde nie voran kommen. Ich werde immer so bleiben. Hässlich. Depressiv. Voller Selbsthass. Ich möchte einfach nicht mehr leben.

Und doch wird es so sein wie immer. Ich werde meinen Alltag angehen, ihn beschreiten und am Ende des Tages in meine leere Wohnung zurückkehren. Neue Musik finden, die mir gefällt. Serien gucken. Filme gucken. Und von einem Leben träumen, das nie für mich bestimmt war. Die nächsten 50 Jahre lang.